Pilgerbericht 2. Etappe Thüringen

Ökumenisches Samstagspilgern in Thüringen 2017 "Auf Spuren der Reformation"
2.Etappe: Plaue - Arnstadt – 08.04.2017

"Vom Eise befreit sind Strom und Bäche durch des Frühlings holden, belebenden Blick..." Eine ähnliche Stimmung wie in Goethes berühmten Versen erleben wir Pilger auf diesem Vor-Ostergang.
Wir beginnen in der Liebfrauenkirche von Plaue. Sie ist das älteste Gebäude des Städtchens. Wir finden sie in einem grünen Kranz aus Bäumen, Büschen und Rasen, darin eingesprenkelt zahlreiche Veilchen und Primel.
Nach der Morgenandacht können wir den schönen alten Flügelaltar näher betrachten. Herr Rost erklärt uns, wie die Kirche im Verlauf der Geschichte zu ihrer ungewöhnlichen Gestalt kam.
Nach dem Stempeln der Pilgerpässe und einem Gruppenfoto wandern wir entlang der Gera. "Doch an Blumen fehlt's im Revier" – nein, Herr Goethe, unser Weg ist gesäumt von blühenden Weiden, Buschwindröschen, Himmelschlüsseln, Oster-glocken, Tulpen, Magnolien und anderen Blumen. Am Wegrand entdecken wir einen Hofladen, wo neben Eis (aus Schafmilch) weitere Leckereien angeboten werden. So lassen wir uns zu einem kurzen Abstecher verführen.

Dann erreichen wir Dosdorf. Das Gotteshaus ist romanischen Ursprungs und trägt den seltenen Namen St.Otmar. Zwei Besonderheiten zeichnen die Kirche aus.
Der Turm dient im Sommer als Kinderstube für Fledermäuse – mittlerweile mehrere tausend Tiere! Die Kanzel steht auf dem Fisch, der den Propheten Jona wieder aus seinem Bauch entlässt.
Anrührend sind auch die Figuren des mittelalterlichen Schnitzaltars. All dies zeigt und erläutert Frau Möller – und spielt sogar für uns die Orgel. "Großer Gott, wir loben dich" – dieses Lied ist ein passender Abschluß unseres Besuches.

Zurück auf dem Radweg haben wir die nächste Station schon vor Augen. In Siegel-bach gibt es viele gepflegte Häuser und Gärten, meist schon mit Osterschmuck dekoriert.
Bereits hinter den Bahngleisen empfängt uns Herr Kind und gemeinsam geht es leicht bergan zur alten Wehrkirche. Auch sie hat mit St.Remigius einen ungewöhnlichen Namenspatron.
Darüber weiß Herr Kind eine Geschichte zu erzählen. Weitere Anekdoten folgen aus der 800jährigen Ortsgeschichte, die mit der Kirchengeschichte engstens verwoben ist.
Das Gotteshaus birgt gleichfalls einzig-artige Dinge. Die neue Taufe ist eine Skulptur aus Kirschbaumholz; und der erste Täufling war ein Nachfahre jenes Herrn, der einst den Baum pflanzte.
Durch eine schmale Tür hinter der Orgel kommt man in den Turm. Gleichzeitig ist sie Eingang in das kleine Museum im Turm, welches gewissermassen (auch) "ein Kind" von Herrn Kind ist und gerade mal 11 Jahre alt. Noch jünger ist eine Glocke, 2 Stockwerke darüber – gegossen 2016. Nach dem Auf- und Abstieg und den vielen interessanten Histörchen bedanken wir uns mit Worten und Spenden in die Box.
Jetzt ist Mittagsrast und Stärkung angesagt; jedoch nur kurz, dann müssen wir weiter. "Kehre dich um, von diesen Höhen nach der Stadt zurück zu sehen..." - auch wir blicken zurück auf die Ehrenburg oberhalb Plaues, das Geratal und die Höhen des Thüringer Waldes am Horizont.
Nach einer guten Stunde erreichen wir das Riedtor von Arnstadt, wo sich rechter Hand der Turm der ehemaligen Jakobskirche erhebt. Links den Hügel hinauf gelangen wir zur Oberkirche, dem Ziel der heutigen Etappe. In der früheren Franziskanerkirche begrüßt uns Herr Bötefür vom Förderverein. Noch ist hier eine Baustelle. Der letzte Gottesdienst fand am 31.10.1977 statt. Danach war das Gebäude dem Verfall preisgegeben. Nach 10 Jahren Sanierung soll es zum Reformationstag im Jubiläumsjahr 2017 wieder zur gottesdienstlichen Nutzung übergeben werden.
Doch auch danach wird die äußerst wertvolle Innenausstattung weitere Anstrengungen und Förderung benötigen. Aber das Wort Gottes kann wieder verkündet werden, wie es einst auch Martin Luther an diesem Ort tat. Da (noch) keine Stühle und keine Gesangbücher vorhanden sind stimmen wir spontan ein wohl bekanntes Lied an: "Wenn zwei oder drei in deinem Namen versammelt sind". Herrn Bötefür danken wir somit für seine Ausführungen; und mit einem weiteren Stempel im Pilgerpaß laufen wir zum Bahnhof. "Hier bin ich Mensch, hier darf ich' sein!" Mit diesem Gefühl geht ein schöner Pilgertag zu Ende.

Steffen Rödiger